„Wenn die Klinikschule fehlt hat dies Folgen, nicht nur in der Coronazeit“Rainer Staska (OStR)

Ausgangssituation

Im Artikel „Wenn die Klinikschule fehlt: Die Folgen der Pandemie in den Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie“ (Brigitte Pollitt, Ingeborg Thümmel und Hubertus Adam, In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (2020),48 (4)*.) verdeutlichen die Autor*innen am Beispiel der präventiven Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie, welche immensen Folgen eine Schließung der Klinikschulen für die Behandlung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher hat. Sie unterfüttern ihre wissenschaftlichen Thesen u.a.  mit Erkenntnissen, die durch Arbeiten und Veröffentlichungen unserer SchuPs-Mitglieder (Arbeitskreis Schule und Psychiatrie) Elvira Steuck, Wolfgang Oelsner, Alexander Wertgen und in unserem Bereich forschender Universitäten (z.B. Frau Prof. Gisela Steins/ Universität Duisburg-Essen)) gewonnen wurden.

Insbesondere in Krisenzeiten häufen sich die Erkenntnisse, was notwendig ist, um Systeme am Laufen zu halten. Die sogenannten systemrelevanten Berufe seien hier Beispielhaft angeführt, für die es sonst innerhalb der Gesellschaft wenig Platz und Anerkennung gibt. Wir erinnern uns an das Beifallklatschen für Altenpfleger*innen, Krankenhausbedienstete und die Beschäftigten im Einzelhandel. Scheinbar gehört auch unser Berufszweig der Kliniklehrer*innen und Lehrer dazu, die laut den Autor*innen des Artikels „innerhalb der multimodalen Behandlung in der Klinik oft außenstehend sind, als unbequem gelten und eher als Exoten einbezogen werden, als dass deren Kompetenzen in Pädagogik, Sonderpädagogik oder Erziehungswissenschaft geschätzt werden“.

Ich teile für den Bereich, in dem ich im multimodalen System arbeite, diese Einschätzung nicht, wenn es auch in unserer Klinik ein immerwährender Prozess ist, sich im klinischen Setting Gehör zu verschaffen. Aus vielen Gesprächen mit Kolleg*innen und den Berichten aus den Bundesländern auf den Jahrestagungen unseres Arbeitskreises „Schule und Psychiatrie“ lässt sich aber ableiten, dass es tatsächlich noch Kliniken gibt, in denen unsere Arbeit nicht oder nicht gebührend wertgeschätzt wird, ja sogar Bundesländer immer noch nicht die Bedeutung der Schulen für Kranke als wichtiger Baustein im föderalen Schulsystem und zur notwendigen Unterstützung der medizinisch-therapeutischen Behandlung erkannt haben.  Dafür kann und sollte der Artikel in seiner Beschreibung unserer Tätigkeit dienlich sein, in der Krise einer Pandemie, aber noch wichtiger, darüber hinaus und generell. Und mit dieser Argumentation lassen sich hoffentlich die Stimmen verstummen lassen, die Einschnitte im zeitlichen Umfang der Unterrichtung, in  personeller und sächlicher Ausstattung unserer Schulform gebetsmühlenartig fordern oder erst gar nicht ermöglichen.

Eines sollte dabei aber nicht passieren: Die Reduzierung unserer im Artikel gelobten und als wertvoll bezeichneten Arbeit darf nicht, ähnlich wie bei den anderen „systemrelevanten Bereichen“, nur auf die Krisenzeit beschränkt bleiben, der „Beifall“ ungehört abebben, nach der Krise alles wie zuvor bleiben und nur dann gelten, wenn Präsenzunterricht aufgrund präventiver Maßnahmen in Zeiten einer Pandemie eingeschränkt werden muss.

Klinikschulen sind für Krisenzeiten besser gerüstet, vorausgesetzt die Bedingungen stimmen.

Am Beispiel der KJP in Herborn lassen sich zudem die im Artikel genannten kritischen Anmerkungen zu den „Klinikschulen zu Zeiten der Covid-19-Pandemie“  nicht oder nur teilweise bestätigen. Erinnert sei daran, dass wir es im März weltweit mit einer völlig neuen, alle gesellschaftlichen Bereiche tangierenden Situation zu tun hatten, auf die unvorbereitet reagiert werden musste. Und diese betraf die Bereiche, in denen größtmöglicher Kontakt  und damit die höchste Infektionsgefahr bestand, also auch die Schulen. Selbst die Klinik musste reagieren und reduzierte ihre Behandlungen auf wenige, extern nicht zu versorgende Patient*innen und es fanden zunächst keine Neuaufnahmen statt. Der Spiegel lobt in seiner Ausgabe (22.08.2020) die Schulsituation in Dänemark explizit als Vorbild für deutsche Schulen. Defacto haben wir in einer Schule für Kranke die Unterrichtssituation während und nach dem „Lockdown“ in unserem Setting meines Erachtens nach sogar noch effektiver und besser bewältigt: Unterrichtsversorgung mit Materialien im Rahmen von Wochenplänen mit Rückmeldung an unsere Schüler*innen, da kein „digitales Homeschooling“ möglich war. Ein Kontakt zu unseren Schüler*innen und zur Klinik war immer möglich, wenn gewollt. Unsere Kolleg*innen waren während dieser Zeit durch Online-Konferenzen miteinander vernetzt. Die (Wieder-)Aufnahme des Unterrichtes, zwar mit reduziertem Stundenumfang, aber unter Einhaltung der Hygienebedingungen für alle unsere Schüler*innen, erfolgte durch ein Angebot mit mindestens zwei Unterrichtsstunden täglich unmittelbar nach den Osterferien in Kleingruppen bis zum Schuljahresende. Mittlerweile läuft im neuen Schuljahr das Normalprogramm (aufgrund Vorgaben des Ministeriums außer Sport, Musik und außerschulisch stattfindenden AGs) mit einem Angebot von 22 bis 27 Wochenstunden. Daher können wir mit Fug und Recht behaupten, dass wir für unsere Schüler*innen in der Corona-Zeit eine Unterrichtsversorgung mit den nötigen diagnostischen und reintegrativen Maßnahmen leisten konnten, die im Vergleich zu den Angeboten der Regelschulen eine deutlich höhere Versorgung gewährleistete und die Bildungsgarantie und die Bildungsgerechtigkeit sicherstellte.

Fazit

Die Notwendigkeit von Klinikschulen wird von den Autor*innen, belegt durch Untersuchungen und wissenschaftliche Ausarbeitungen, gut herausgearbeitet. Hier stehen für die psychisch erkrankten Schüler*innen vor allem der Schulbesuch als Alltagsbewältigung, die Sicherung der Anschlussfähigkeit, die Steigerung der Lernmotivation, des Selbstbewusstseins, Abbau von Ängsten und sich daraus ergebende positive Lernerfahrungen zentral im Fokus, die durch gute Diagnostik, optimale Förderung, gute Beratung und gelingende Reintegration im multiprofessionellen Team durch die Klinikschule gewährleistet wird und einen erheblichen Beitrag zur Gesundung leistet. Anders als im Artikel suggeriert war zumindest in meinem Tätigkeitsumfeld selbst in der coronabedingten Aussetzung der Präsenzbeschulung das Handeln unserer Klinikschule noch möglich und Störungen hinsichtlich der Behandlungen, der Förderung und der Diagnostik unterblieben. Zwangsläufig gestalteten sich Reintegrationsmaßnahmen schwierig, das lag aber nicht ursächlich an der Klinikschule, sondern am ausgesetzten oder reduzierten Unterrichtsangebot der Regelschulen. Daher teile ich nicht die Einschätzung der Autor*innen einer Gefährdung der Bildungsgerechtigkeit von bereits durch die Krankheit benachteiligten Kindern und Jugendlichen in dieser Ausnahmezeit. Ich behaupte sogar, dass unsere Schüler*innen in unserem System besser gefördert und unterstützt wurden als „normale“ Regelschüler*innen. Natürlich hinderten vorhandene Rahmenbedingungen eine noch intensivere Förderung. So ist, wie in den meisten Klinikschulen, auch bei uns das Raumangebot eingeschränkt und somit selbst in Kleingruppen das Abstandsgebot nur schwierig umzusetzen. Auch mussten Personalengpässe aufgrund der Zugehörigkeit zu Risikogruppen aufgefangen werden, vorwiegend in unseren kleineren Außenstellen im tagesklinischen Setting. Das gilt es zukünftig zu berücksichtigen, um in Krisenzeiten noch flexibler zu sein. Das aber nur am Rande.

Es bleibt die Hoffnung, dass die im Artikel getroffenen Erkenntnisse über die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Klinikschulen für die Gesundung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher über die Coronazeit hinaus anhalten und ihren Niederschlag in den Entscheidungen vorgelagerter Schulämter und Kultusministerien, aber auch in den gelegentlich noch anzutreffenden Kliniken, die Klinikschulen immer noch nicht den nötigen Stellenwert einräumen, finden werden. Dann würde sich die im Jahre 2008 von unserem Freund und Wegbereiter Wolfgang Oelsner getroffene Einschätzung, die Klinkschule sei „mehr Exot als Vertraute“, endgültig umkehren und die ihr gebührende Wertschätzung in der Schullandschaft und im multimodalen Behandlungssystem der Kliniken erhalten.   

 

*Link zum Artikel: https://doi.org/10.1024/1422-4917/a000741